Wie viel ist genug?
Aktualisiert: 3. Okt.
Über Maßlosigkeit, Betäubung und die Kunst, wach zu bleiben
Wie viel ist genug?
Ich frage mich das gerade, wenn ich auf die Welt um mich herum schaue.
Auf Wochenenden, die sich an Wochenenden reihen, auf das nächste Event, das nächste Fest, das nächste Erlebnis. Auf volle Einkaufswagen, volle Teller, volle Terminkalender und volle Köpfe. Immer noch etwas mehr.
Noch ein Bier. Noch ein Essen. Noch ein Wochenende. Noch ein Erlebnis.
Und gerade ist wieder Wiesnzeit.
Ein Fest, das wir Tradition nennen. Ein Stück München. Ein Stück Lebensfreude. Und ja, natürlich darf gefeiert werden. Natürlich dürfen wir lachen, tanzen, trinken und gemeinsam am Tisch sitzen.
Aber irgendwann frage ich mich: Wann ist aus Genuss eigentlich Maßlosigkeit geworden?
Und wann haben wir aufgehört, das überhaupt zu hinterfragen?
Auf der Wiesn werden in wenigen Wochen Millionen Maß Bier ausgeschenkt und riesige Mengen Fleisch gegessen. Und wenn man einmal aufhört, von „Essen“ oder „Lebensmitteln“ zu sprechen und sich anschaut, was dahintersteht, wird es unbequem: Schweine, Hühner, Rinder – unzählige fühlende Lebewesen, die für diesen Konsum gezüchtet und getötet wurden.
Die Wiesn ist dabei für mich ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Es geht nicht um dieses eine Fest, sondern um etwas, das längst viel größer ist: unsere Art zu leben, zu konsumieren und das Leben selbst zu betrachten.
Hinter jedem vollen Teller steckt keine Zahl, kein Produkt, sondern ein fühlendes Lebewesen. Und trotzdem ist es für uns ganz normal, dieses Leben zu unserem Konsumgut zu machen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich beschäftigt:
Was wir als normal betrachten, müssen wir nicht mehr erklären.
Wir sagen: Das ist Tradition. Das haben wir schon immer so gemacht.
Aber wir haben vieles schon immer anders gemacht. Wir haben in Höhlen gelebt, Feuer gemacht und uns daran gewärmt, uns mit Pferden fortbewegt und irgendwann angefangen, uns die Welt auf völlig neue Weise zu erschließen. Wir verändern unser Leben ständig. Warum sollte ausgerechnet das, was wir essen, wie wir feiern und was wir konsumieren, für immer unveränderlich sein?
Tradition kann bewahren, was wertvoll ist. Aber Tradition darf kein Argument dafür sein, dass wir aufhören zu fragen, ob etwas noch zu der Welt passt, in der wir heute leben.
Denn während wir feiern, konsumieren und uns von einem Erlebnis zum nächsten bewegen, verändert sich diese Welt vor unseren Augen.
Das Klima verändert sich. Arten verschwinden. Ressourcen werden verbraucht, als wären sie unendlich. Müllberge wachsen. Und gleichzeitig ist die Kluft zwischen denen, die sehr viel haben, und denen, die sehr wenig haben, kaum zu übersehen.
Und wir machen weiter.
Vielleicht nicht, weil wir all das nicht wissen. Sondern weil es leichter ist, nicht zu lange darüber nachzudenken.
Noch ein Event. Noch ein Glas. Noch ein Einkauf. Noch ein bisschen lauter.
Wovon lenken wir uns eigentlich ab?
Denn wenn wir aufhören, uns ständig abzulenken, wird es unbequem.
Dann sind da plötzlich die Fragen, die wir sonst überhören.
Was bleibt, wenn die Betäubung wegfällt?
Was brauche ich wirklich? Wofür möchte ich meine Energie einsetzen?
Was kann ich nicht länger ignorieren? Welche Verantwortung habe ich – nicht nur für mich, sondern für die Welt, in der ich lebe?
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Maßlosigkeit so verführerisch ist. Sie hält uns beschäftigt. Sie hält uns satt. Sie hält uns auf Trab. Und manchmal hält sie uns auch davon ab, wirklich zu fühlen.
Auch das, was wir unserem Körper zuführen, beeinflusst unseren Zustand. Wir nehmen nicht nur Nahrung auf, sondern auch ihre Energie. Fleisch und Alkohol ziehen diese Energie nach unten und halten uns in einem unbewussteren Zustand – stumpfer für das, was in uns und um uns herum geschieht. Wir entfernen uns von unserer Empfindsamkeit und unserem Mitgefühl.
Dabei wäre gerade das so menschlich: zu fühlen, wenn etwas ungerecht ist.
Zu spüren, wenn etwas nicht stimmt. Mitgefühl zu haben. Verantwortung zu übernehmen. Sich einzumischen, wenn etwas unsere Aufmerksamkeit braucht.
Vielleicht ist es genau das, was wir verlieren, wenn wir uns ständig betäuben:
unsere Fähigkeit, wirklich hinzusehen.
Yoga bietet genau diesen Raum. Yoga ist kein Work out. Es ist ein Work-in.
Ein Nach-innen-Schauen. Nicht um uns von der Welt zurückzuziehen, sondern um wieder mitzubekommen, was in uns geschieht – und von dort aus vielleicht auch klarer zu sehen, was um uns herum geschieht.
Nicht umsonst kennen so viele spirituelle Traditionen Zeiten des Fastens, des Verzichts und des Maßhaltens. Nicht unbedingt, weil alles Äußere schlecht wäre. Sondern weil weniger manchmal sichtbar macht, was im Zuviel verloren gegangen ist.
Wir brauchen nicht noch mehr.
Wir brauchen ein Gefühl für das Maß. Für das, was wir wirklich brauchen.
Für das, was uns nährt, was uns verbindet und was unserem Leben Bedeutung gibt.
Was zählt für mich wirklich? Was ist mir wichtig? In welcher Welt möchte ich leben?
Und welche Welt möchte ich den Menschen hinterlassen, die nach uns kommen?
Und wenn ich wirklich hinsehe: Was kann ich vertreten? Was kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren? Wo mache ich weiter, obwohl ich längst weiß, dass etwas nicht stimmt?
Diese Fragen gehen für mich auch über unseren Umgang mit anderen Lebewesen hinaus. Wir wissen, dass Tiere fühlen, Schmerz empfinden und leben wollen. Und trotzdem behandeln wir sie wie Produkte, die wir nach Belieben konsumieren können. Wir haben gelernt, das auszublenden. Wir haben gelernt, nicht hinzusehen.
Aber was passiert, wenn wir damit aufhören?
Wenn wir anerkennen, dass jedes fühlende Lebewesen leben will und dass wir ihm diese Möglichkeit nehmen, wenn wir es für unseren Konsum töten?
Das ist unbequem. Aber Wachheit bedeutet auch, das Unbequeme auszuhalten.
Nicht alles muss sofort verändert werden.
Aber wir können anfangen, uns ehrlich zu fragen, was wir noch vertreten können und wie wir leben wollen.
Nicht weniger Leben. Sondern weniger von dem, was uns vom Leben entfernt.
Nimm dir einen Moment, um bei dir anzukommen.
Stell beide Füße bewusst auf den Boden und richte dich auf. Lege deine linke Hand auf dein Herz und deine rechte auf deinen unteren Bauch. Schließe, wenn es sich gut anfühlt, für ein paar Momente die Augen und atme ganz bewusst.
Spüre deinen Herzschlag. Spüre deinen Atem. Spüre den Boden unter deinen Füßen. Nimm wahr, was gerade da ist.
Und dann frag dich:
Wie viel ist genug?
Was ist es, das wirklich zählt?
Und vor allem, welche Verantwortung trage ich – auch wenn sie unbequem ist?
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