Die Sprache der Berührung
- Stephanie Martucci
- 26. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Warum ich lieber mit dem Körper arbeite als gegen ihn.
Wann wurdest du das letzte Mal wirklich berührt?
Und ich meine damit nicht einfach eine Umarmung oder eine Massage.
Ich meine den Moment, in dem dein Körper das Gefühl hatte: Ich darf loslassen.
Wir leben in einer Welt, in der wir ständig funktionieren. Termine, Erwartungen, Nachrichten, Lärm und unzählige Reize begleiten uns durch den Tag.
Unser Nervensystem ist häufig im Dauerbetrieb. Wir lernen früh, stark zu sein, durchzuhalten und weiterzumachen. Irgendwann merken wir gar nicht mehr, wie viel Spannung wir eigentlich mit uns herumtragen.
Viele Menschen kommen zu mir und sagen:
„Mein Nacken ist völlig verspannt.“ Oder: „Da musst du richtig fest drücken.“
Und ich muss dann oft schmunzeln.
Nicht, weil kräftige Massagen grundsätzlich schlecht sind.
Sondern weil ich mich frage, warum wir glauben, dass ausgerechnet Druck das lösen soll, was häufig erst durch zu viel Druck entstanden ist.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das weit über eine Massage hinausgeht.
Der Körper spricht. Die Frage ist nur, ob wir zuhören.
Ich glaube nicht, dass unser Körper gegen uns arbeitet.
Ich glaube vielmehr, dass er ständig versucht, mit uns zu kommunizieren.
Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen sind für mich deshalb nicht einfach Defekte, die möglichst schnell beseitigt werden müssen.
Oft erzählen sie etwas über uns, über das, was wir über lange Zeit getragen, unterdrückt oder festgehalten haben.
Natürlich hat nicht jeder Rückenschmerz eine emotionale Ursache und nicht jede Verspannung erzählt eine Geschichte. Das wäre viel zu einfach gedacht.
Aber genauso wenig glaube ich, dass Körper und Geist voneinander getrennt betrachtet werden können.
Wie wir denken, fühlen und leben, hinterlässt Spuren in unserem Körper.
Und unser Körper wiederum beeinflusst, wie wir denken, fühlen und der Welt begegnen.
Im Yoga begegnet mir das immer wieder.
Wenn wir körperlich beweglicher werden, verändert sich oft auch etwas im Inneren. Menschen beginnen plötzlich, Situationen anders zu betrachten.
Sie werden geduldiger, offener und manchmal auch weicher.
Genauso erlebe ich es aber auch andersherum:
Erst wenn wir innerlich etwas loslassen, verändert sich der Körper. Für mich gehören beide Richtungen untrennbar zusammen.
Warum ich lieber mit dem Körper arbeite als gegen ihn
In unserer Gesellschaft scheint sich hartnäckig die Vorstellung zu halten, dass Veränderung vor allem durch Druck entsteht.
Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir uns eben mehr anstrengen, disziplinierter werden, härter trainieren oder uns stärker kontrollieren.
Dieses Denken übertragen wir oft ganz unbewusst auch auf unseren Körper.
Kein Wunder also, dass viele Menschen glauben, eine gute Massage müsse vor allem kräftig sein.
Dabei zeigt uns die Forschung etwas Spannendes. Sanfte Berührungen werden über andere Rezeptoren wahrgenommen als starker Druck.
Sie können dem Nervensystem Sicherheit vermitteln, und genau diese Sicherheit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass unser Körper überhaupt loslassen kann.
Deshalb arbeite ich in meinen Massagen lieber mit dem Körper als gegen ihn.
Nicht, weil kräftige Techniken grundsätzlich falsch wären.
Sondern weil ich den Körper nicht überzeugen möchte.
Ich möchte ihn einladen. Denn Loslassen kann man nicht erzwingen. Es entsteht.
Berührung ist mehr als Hautkontakt
Ich glaube, Berührung ist eine Sprache, die wir alle verstehen, lange bevor wir sprechen lernen. Sie kann Geborgenheit vermitteln, Vertrauen schaffen und unserem Nervensystem zeigen, dass wir sicher sind.
Vielleicht sehnen wir uns deshalb manchmal gar nicht nach einer Massage an sich, sondern nach dem Gefühl, wieder mit uns selbst in Kontakt zu kommen.
Für mich sind Massagen deshalb keine Wellnessbehandlung.
Sie sind ein Raum, in dem der Körper für einen Moment nicht funktionieren muss.
Ein Raum, in dem wir wieder spüren dürfen. Nicht, um etwas zu leisten oder zu optimieren, sondern einfach, um wieder bei uns selbst anzukommen.
Was ich in den letzten Jahren gelernt habe
Je länger ich Menschen begleite, desto mehr wird mir bewusst, dass Veränderung selten durch Druck entsteht. Weder im Körper noch im Geist oder im Leben.
Wir glauben oft, wir müssten härter werden, disziplinierter sein oder uns nur genug zusammenreißen, damit sich etwas verändert. Dabei wächst kaum etwas unter Druck.
Eine Blume öffnet sich nicht, weil man an ihren Blütenblättern zieht.
Sie öffnet sich, wenn Licht, Wasser und der richtige Boden da sind.
Vielleicht sind wir Menschen gar nicht so anders.
Vielleicht brauchen auch wir manchmal keinen weiteren Druck, sondern einen Ort, an dem wir uns sicher fühlen dürfen.
Einen Moment, in dem Mitgefühl wichtiger wird als Leistung und Verbindung wichtiger als Selbstoptimierung.
Ich glaube, genau darin liegt die Kraft achtsamer Berührung.
Sie erinnert uns daran, dass wir nicht ständig kämpfen müssen.
Dass wir nicht immer leisten müssen.
Und dass Weichheit keine Schwäche ist, sondern oft der Anfang von Veränderung.
Eine Buchempfehlung
Wenn dich das Thema Berührung interessiert und du tiefer eintauchen möchtest, kann ich dir das Buch „Berührung“ von Bruno Müller-Oerlinghausen sehr empfehlen.
Es verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Frage, warum Berührung ein menschliches Grundbedürfnis ist und welche Bedeutung sie für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden hat.
Eine Frage, die dich begleiten darf …
Wo in deinem Leben versuchst du gerade, mit mehr Druck etwas zu verändern?
Und was würde passieren, wenn du dir stattdessen erlaubst, einmal weicher zu werden?
Was hat dich zuletzt wirklich tief im Inneren berührt – und hast du dir erlaubt, diesen Moment ganz zu fühlen und dich berühren zu lassen?
Nimm diesen Gedanken gerne mit in deinen Alltag. Schenk dir immer wieder einen kleinen Moment, um innezuhalten und wahrzunehmen, was dich wirklich berührt.
Sei es ein Mensch, die Natur, ein Gedicht, ein Text, ein Gespräch oder einfach ein stiller Augenblick mit dir selbst.
Manchmal sind es genau diese leisen Momente, die uns wieder ein Stück näher zu uns selbst bringen.
Von Herzen
Stephanie
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